„Theorie der Beziehungen zwischen Bild und Gehirn.“
– A. R. Penck
A. R. Penck (*1939 in Dresden, †2017 in Zürich), mit bürgerlichem Namen Ralf Winkler, zählt zu den bedeutendsten deutschen Malern, Zeichnern und Bildhauern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Eine akademische Ausbildung blieb ihm in der DDR verwehrt; seine künstlerische Sprache entwickelte er weitgehend autodidaktisch und setzte sich früh mit Kunstgeschichte, Naturwissenschaften und den Möglichkeiten von Zeichensystemen auseinander. Seit den 1960er Jahren entstanden seine Weltbilder, Systembilder und schließlich die Standart-Arbeiten, in denen sich aus elementaren Zeichen eine eigene Bildsprache entwickelte. 1980 verließ Penck die DDR und übersiedelte zunächst nach Kerpen bei Köln, bevor er 1983 nach London zog. 1989 wurde er Professor für Freie Grafik an der Kunstakademie Düsseldorf und lehrte dort bis 2005. Damit wurde aus dem zuvor staatlich ausgeschlossenen Künstler eine zentrale Figur der Düsseldorfer Akademie.
Im Zentrum seines Werkes steht die Reduktion komplexer Wirklichkeit auf Zeichen. Die berühmten Strichfiguren, geometrischen Chiffren, Buchstaben und mathematisch anmutenden Symbole bilden kein festes Alphabet im klassischen Sinn, sondern ein offenes System, mit dem Penck gesellschaftliche Beziehungen, Machtstrukturen, Konflikte und menschliche Verhaltensweisen untersuchte. Seine Figuren erscheinen archaisch und zugleich hochmodern – sie erinnern an Höhlenmalerei ebenso wie an Verkehrsschilder, Computersprache oder wissenschaftliche Diagramme. Penck interessierte sich für Kommunikation als grundsätzliches Problem: Wie lässt sich eine komplexe Welt mit möglichst wenigen Zeichen erfassen, ohne ihre Widersprüche zu verlieren? Der Begriff Standart, den er seit den 1960er Jahren für sein künstlerisches Konzept verwendete, zielte genau auf diese Entwicklung einer allgemein verständlichen, prinzipiell von jedem lesbaren Bildsprache.
Dabei blieb Pencks Kunst nie auf die Malerei beschränkt. Zeichnung, Skulptur, Druckgrafik, Fotografie, Literatur und Musik gehörten für ihn zu einer übergreifenden künstlerischen Forschung, in der unterschiedliche Medien jeweils andere Formen von Erkenntnis ermöglichen. Seine Beschäftigung mit Jazz und Improvisation steht dabei ebenso für die Offenheit seines Denkens wie seine späteren Bronze- und Marmorskulpturen, in denen die elementaren Zeichen den zweidimensionalen Bildraum verlassen. Auch als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf vermittelte Penck diese Haltung: Nicht ein festgelegter Stil, sondern die Entwicklung einer eigenen visuellen Sprache stand im Mittelpunkt. Seine Kunst bleibt deshalb trotz ihrer scheinbaren Einfachheit komplex und widerständig. Sie will die Welt nicht illustrieren oder abschließend erklären, sondern ein System schaffen, in dem sich gesellschaftliche Wirklichkeit, menschliches Verhalten und individuelle Wahrnehmung immer wieder neu lesen lassen.