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Julian Irlinger
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"Ich denke, jede Geschichtsschreibung ist letztlich immer eine Konstruktion"- Julian IrlingerJulian Irlinger (*1986 in Erlangen) beschäftigt sich mit der Frage, wie Geschichte entsteht – und wer darüber entscheidet, was von ihr sichtbar bleibt. Nach einem Studium der Kunstgeschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg studierte er von 2011 bis 2014 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und anschließend an der Städelschule in Frankfurt am Main, wo er 2017 bei Willem de Rooij abschloss. Es folgte die Teilnahme am Whitney Independent Study Program in New York. Eine Verbindung zur Kunstakademie Düsseldorf besteht nicht; Irlingers künstlerische Prägung entwickelte sich vielmehr aus einem Umfeld, in dem Recherche, konzeptuelles Arbeiten und die kritische Untersuchung von Bildern und Institutionen eng miteinander verbunden sind. Heute lebt und arbeitet er in Berlin.Im Zentrum seiner Arbeit stehen Archive als Orte der Macht und der Erinnerung. Irlinger sammelt historische Dokumente, Fotografien, Geldscheine, Filme und andere gefundene Materialien, ordnet sie neu und untersucht, welche Geschichten sich aus ihnen lesen lassen – und welche dabei verschwinden. In Fragments of a Crisis etwa beschäftigte er sich mit Notgeldscheinen der Weimarer Republik und ihrer Verbindung von Gestaltung, Ökonomie und Ideologie. Für Gift wiederum arbeitete er mit Dokumenten aus dem Familienbesitz und untersuchte anhand des Wende Museums in Los Angeles, wie durch Auswahl, Schenkung und institutionelle Einordnung historische Erinnerung konstruiert wird. Seine Arbeiten sind deshalb weniger klassische Darstellungen von Geschichte als Untersuchungen ihrer Bedingungen: Das Material ist bereits vorhanden, doch erst durch Auswahl, Kontext und Präsentation erhält es Bedeutung.In jüngeren Arbeiten erweitert Irlinger diese Recherche um bewegte Bilder, Architektur und visuelle Populärkultur. The Curtain of Time etwa untersucht die handgezeichnete Animation der Mitte des 20. Jahrhunderts und deren überraschende Verbindungen zwischen unterschiedlichen politischen und ästhetischen Systemen. 2025 präsentierte er die Arbeit im Portikus in Frankfurt; 2026 entstand mit Chronotopia eine neue Videoarbeit, die anhand der Kulturkirche Liebfrauen in Duisburg das Spannungsverhältnis von Architektur, Modernismus und historischen Veränderungen untersucht. Irlingers Kunst bleibt dabei bewusst zwischen Dokumentation und Konstruktion: Er zeigt nicht einfach Geschichte, sondern macht sichtbar, wie Geschichte gemacht wird.Zitat aus: Julian Irlinger im Gespräch mit Sylvia Metz, Hessische Kulturstiftung, 2020