Zentrum - Flora Hitzing

Zentrum

„Die Tiefe ist der Ort.“
– Flora Hitzing

Flora Hitzing (*1978 in Kiel) zählt zu den eigenständigen Positionen der jüngeren deutschen Bildhauerei. Von 2002 bis 2006 studierte sie an der Muthesius Kunsthochschule Kiel und anschließend von 2006 bis 2009 an der Kunstakademie Düsseldorf bei Tony Cragg, dessen Meisterschülerin sie wurde. Bereits während ihres Studiums entwickelte sie eine intensive Auseinandersetzung mit den Formbildungspotentialen unterschiedlicher Materialien. 2010 erhielt sie den Förderpreis der Großen Kunstausstellung NRW Düsseldorf; 2009 wurde sie mit dem Stipendium der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen gefördert. In den folgenden Jahren verband Hitzing ihre künstlerische Arbeit zunehmend mit naturwissenschaftlicher Forschung. Von 2012 bis 2014 erhielt sie an der Muthesius Kunsthochschule eine künstlerisch-wissenschaftliche Nachwuchs- und Projektförderung und untersuchte dabei mikroskopische Strukturen und die Möglichkeiten bildgebender Verfahren. Hitzing lebt und arbeitet in Düsseldorf.

Im Zentrum ihres Werkes steht die Materie als eigenständig formbildende Kraft. Hitzing arbeitet mit Gips, Ton und Kunststoff ebenso wie mit Aquarell und Kohle und interessiert sich für Prozesse, in denen sich Formen verdichten, ausbreiten, verzweigen oder ineinander übergehen. Ihre Skulpturen sind deshalb nicht als geschlossene Volumen zu verstehen, sondern als Untersuchungen ihrer eigenen materiellen Bedingungen. Das zeigt sich etwa in absoluter Ort 1 von 2010, einer aus Gips und Plastik geformten, organisch anmutenden Struktur, deren Oberfläche selbst zum eigentlichen Gegenstand der Wahrnehmung wird. In ihren fotografischen Arbeiten geht Hitzing noch näher an die Materie heran: Mithilfe des Raster-Transmissions-Elektronenmikroskops untersucht sie Oberflächen gebrannter Tone und macht Strukturen sichtbar, die dem bloßen Auge normalerweise entzogen bleiben. Das Mikroskop wird dabei nicht nur zum wissenschaftlichen Instrument, sondern zu einem künstlerischen Werkzeug der Wahrnehmung.

In jüngeren Arbeiten verbindet Hitzing diese Beobachtung mikroskopischer Strukturen mit einer zunehmend offenen Vorstellung von Natur als Prozess und Netzwerk. Ihre Formen erinnern an Zellen, Organismen, Landschaften oder geologische Gebilde, ohne sich eindeutig einer dieser Kategorien zuordnen zu lassen. Gerade die Unentschiedenheit zwischen organischer und anorganischer Materie ist für ihr Werk wesentlich. Die Ausstellung Tide of Matter von 2025 beschrieb ihre Arbeit entsprechend als Auseinandersetzung mit natürlichen Formbildungsprozessen und der Selbstorganisation von Materie; zugleich werden die Grenzen zwischen materiellen und immateriellen Strukturen sowie zwischen belebter und unbelebter Materie ausgelotet. Hitzings Kunst bewegt sich damit zwischen Skulptur, Forschung und Naturbeobachtung. Aus konkreten Materialien entstehen Formen, die an etwas Lebendiges erinnern, ohne selbst Leben abzubilden. Gerade darin liegt ihre besondere Qualität: Die Skulptur wird zum Modell eines universellen Formprozesses – einer Welt, in der Materie ständig kommuniziert, sich verändert und neu organisiert.

Zitat nach: https://forschung-und-projekte.muthesius-kunsthochschule.de/category/muthesius-projekt/ (Abrufdatum: 21.09.2026)

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